Spendenfranken aus Selbstbedienung
In der alten Fabrik Wädenswil gibt es ein Selbstbedienungs-Buchantiquariat. Aus dessen Erlös werden in Indien Dörfer gebaut.
VON SUSANNE KARRER
WÄDENSWIL. «Wenn Sie Bücher kaufen, machen Sie eine Leseprobe! Lassen Sie sich Zeit und geniessen Sie einen Kaffee. Möchten Sie das Buch kaufen, legen Sie das Geld in die Kasse.» Mit diesen einladenden drei Sätzen auf einem grossen Plakat wird in der alten Fabrik den Kunden das Prinzip des Selbstbedienungs-Buchantiquariats erklärt. Zwischen dem Cafe kafi-pau¬se und dem Interdiscount stehen seit dem 3. Februar dieses Jahres sechs grosse weisse Tische sowie drei tiefe Wühlkisten und drei Regale voller Bücher aus zweiter Hand. Das Bringen von Büchern ist kostenlos, gebundene Bücher können für 5, Taschenbücher für 3.50 Franken erstanden werden. Das Geld legen die Kunden in eine rote Kasse, die an einem Pfeiler zwischen den Tischen angebracht ist.
INITIANT MAX FRISCHKNECHT: Wer Bücher erwirbt, unterstützt ein gutes Werk.
Grösser werdende Stapel
Das Angebot reicht von Krimis von Grisham, King, Hitchcock, aber auch weniger bekannten Namen über Schulbücher, Bildbände, Geschichtsbücher aller Art, sei es Churchills Biografie oder ein Sachbuch über das alte Ägypten, Kinderbücher von Winnetou bis Harry Potter, unzählige Romane, bei denen sich einige echte Schnäppchen machen lassen, und schliesslich Reiseführer aus sämtlichen Epochen und Ländern, beispielsweise ein Amsterdam-Führer von 2001 oder ein Südsee-Reisebuch von 1926.
«Wenn ich so schaue, werden die Stapel immer grösser», bemerkt Brigitte Wieland, eine Kundin in der alten Fabrik, beim Überschauen der Büchertische. Sie kommt vom Hirzel zum Einkaufen nach Wädenswil und hat das Buchantiquariat schon bei einem früheren Besuch bemerkt. Die Kundenreaktionen sind ausschliesslich positiv. «Von morgens um neun bis Ladenschluss hat es eigentlich immer Leute, die am Schneuggen sind», weiss Urs Anghern, der Jungunternehmer des Cafes kafi-pause.
Ein Buch für ein Haus
Anlässlich von räumlichen Umstrukturierungen in der alten Fabrik wollte Urs Anghern im letzten Jahr eine Lounge einrichten, in der die Kunden bei einem Kaffee in einem Buch schmökernd verweilen können. Max Frischknecht, bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Wochen Direktor der Firma Gessner - der Besitzerin der alten Fabrik - fand diese Idee gut, wollte sie aber ausbauen. Die übrig gebliebenen Quadratmeter zwischen dem Cafe und dem Elektronikgeschäft waren zum Vermieten zu klein und bedurften ebenfalls einer Lösung.
Die Notwendigkeit, in seinen heimischen Bücherregalen Ordnung zu schaffen, führte Frischknecht schliesslich zu einer alles umfassenden Idee: Das Selbstbedienungs-Buchantiquariat war geboren. Max Frischknecht ist seit gut vier Jahren Mitglied der Village Reconstruction Organization, kurz VRO. Diese Organisation hilft armen Menschen in Indien, sich selbst zu helfen, indem sie Dörfer aus Backsteinhäusern baut, wo vorher Slums mit ärmlichen Hütten aus Palmwedeln standen, Brunnen gräbt, Land aufforstet, Schulungen durchführt und Ausbildungen finanziert.
Fast ein ganzer Spenderfranken
Der Erlös aus dem Buchverkauf fliesst vollumfänglich an die VRO. Und vollumfänglich heisst in diesem Fall tatsächlich zu 93,30 - dem höchsten Prozentsatz aller Schweizerischen Hilfswerke. Grund für diese Quote ist unter anderem die Tatsache, dass die Mitglieder der VRO ehrenamtlich arbeiten. Zudem fallen beim Selbstbedienungs-Antiquariat Personalkosten weg.
Im Grossen und Ganzen herrscht auf den Büchertischen Ordnung. An ihrem Feierabend laufen jeweils ein paar gute Geister - Mitarbeiter der Firma Gessner - am Stand vorbei und räumen bei Bedarf auf, wie Max Frischknecht berichtet. «Wenn Sie einen guten Gedanken haben, kommen plötzlich auch freiwillige Hände und helfen», sagt der Mann mit der guten Idee und lächelt gerührt.
Zurzeit sucht Frischknecht einen zweiten Aniquariats-Standort. Was in Wädenswil zu lang liegen bleibt, liesse sich dort als Grundbestand verwenden, hat er sich überlegt. Wenn der zweite Stand wie der erste laufe, könne mit dem Erlös in einem Jahr ein ganzes Dorf in Indien gebaut werden. 50 Backsteine kosten 10 Franken. Ein Fenster kostet 50 Franken. Ein ganzes Dorf für 30 bis 80 Familien 50’000 bis 120'000 Franken. Das ist viel Geld, doch hat der Bücherstand in Wädenswil in den ersten vier Monaten rund 15’000 Franken Umsatz gemacht. «Das übertrifft alle Erwartungen», sagt Max Frischknecht glücklich.
BÜCHER IN SELBSTBEDIENUNG
Alte Fabrik, Florhofstrasse 13
8820 Wädenswil
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-18.30, Sa 9-16 Uhr.
Kein Telefon, da Selbstbedienung
Erschienen:
Tages-Anzeiger Regional
4. Juli 2006